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Interview

vom 21. April 2004

mit Hans Zwiebelmann aus Duvennest

(Interviewer = Robert Abels)

Vorbemerkung: Am 13. Januar 1999 ist Herr Hans Zwiebelmann schon einmal von 4 Damen (ABM = Arbeitsbeschaffungsmaßnahme), die vom Amt Schönberg-Land geschickt wurden, interviewt worden. Weil das fertige Manuskript ihm aber nie zur Prüfung vorgelegt wurde, und es voller Fehler (inhaltlich und auch rechtschreibmäßig) war, haben wir dieses Interview heute wiederholt.

Abels: Wie war es damals, als ein englisches Transportflugzeug am Duvennester Moor abgestürzt war?

Zwiebelmann: Als es hier noch die sowjetische Besatzungszone war, gab es eine Zeit, in der West-Berlin über den Landweg von der Bundesrepublik abgeschnitten war (die Berliner Blockade). Da versorgten die englischen und amerikanischen Transportmaschinen – die „Rosinenbomber“ – Berlin über dem Luftweg mit Lebensmitteln aller Art. Zu dieser Zeit hatten die Westflugzeuge noch Überflugrecht über Schattin, Duvennest und Herrnburg, damit sie auf dem Flugplatz Blankensee starten und landen konnten. Sie durften aber nur einmal zum Starten und Landen eine kurze Schleife ziehen. Der eigentliche Flugweg (Flugkorridor) nach Berlin verlief weiter südlich bei Büchen und Lauenburg an der Elbe, also von Niedersachsen aus nach Berlin. – Einer dieser Rosinenbomber war beim kreisenden Landeanflug über DDR-Territorium zu tief geflogen, oder das Flugzeug hatte – wie auch gesagt wurde – angeblich einen Maschinenschaden und bekam dadurch Berührung mit den Baumkronen. Sie stürzte dann am Duvennester Moor ab. Die Absturzstelle wurde sofort weiträumig abgesperrt. Es soll mehrere Tote und Verletzte gegeben haben. (Meine Anmerkung hierzu: Die Berliner Blockade wurde von der damaligen russischen Besatzung verhängt und bestand vom 26. Juni 1948 bis Mai 1949. Zur Versorgung der Stadt flogen engli-sche und amerikanische Flugzeuge (die Rosinenbomber) über die „Luftbrücke“ im 2-Minuten-Takt von und nach Berlin.)

Damals war ich als Waldarbeiter im Lenschower Revier beschäftigt. Mit einem Kollegen aus Herrnburg sollten wir im „Jagen 71“ Grubenholz schälen. Kurz vor der Ankunft wurde ich von einem Volkspolizisten angehalten und von ihm unterrichtet, dass ich heute dort nicht arbeiten könnte und daher wieder nach Hause zurückkehren sollte. Nach dem berühmten „warum und wieso“ teilte er mir mit, dass hier ein Westflugzeug abgestürzt sei.

Nachdem ich aus der Forst entlassen wurde, habe ich noch 1 Jahr in der Landwirtschaft gejoppt, u. a. bei Holst und Grube in Schattin. Damals hatte ich eine kleine Wohnung in Eichholz’s Kate, der früheren Schattiner Schule. Seit 1951 wohne ich nun in Duvennest.

Von 1951 bis 1985 arbeitete ich bei der Deutschen Reichsbahn. Dort wurde ich ausgebildet. Ich musste alles lernen, wie z. B. Steine klopfen, beim Gleisbau arbeiten, die Strecken zur Kontrolle ablaufen, als Schrankenwärter und auch mal in der Fahrkartenausgabe und der Güterabfertigung arbeiten, auch musste ich Rangierdienste machen und im Stellwerk arbeiten.

Abels: Was mich noch so interessiert, ist die Zeit der Um- und Aussiedlung.

Zwiebelmann: Die Umsiedlung 1952 fand nur hier in der Sperrzone statt. Morgens um 6 Uhr standen urplötzlich überall bei den Auszusiedelnden – das waren fast ausschließlich Bauern – die LKWs mit Fahrer und linientreuen Hilfskräften zum Aufladen bereit. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wo der Rat des Kreises diese vielen Fahrzeuge alle aufgetrieben hatte.

Die Bauern gingen spät abends zu Bett, und morgens früh klopfte es an ihrer Tür. Dann wurde aufgeladen, was man nur aufladen konnte. Aber das gesamte lebende (Viehzeug) und das tote Inventar (Maschinen usw.) blieben zurück. So wurden diese Bauern von heute auf morgen enteignet. Die Kühe standen noch im Stall und brüllten, denn sie wollten gemolken werden und was zu fressen haben. Zunächst mussten diese Arbeiten von Nachbarn und anderen Dorfbewohnern gemacht werden: Du, geh mal da rüber, die Kühe melken, und nimm auch Deine Frau mit zum Helfen.

So wurde ich auch überraschend geholt, um die schweren Bauernmöbel und die alten Truhen aus Eiche usw. mit aufzuladen. Auf dem Schönberger Bahnhof musste ich dann bei der Abfertigung helfen: Frachtbriefe ausfüllen und die Bezettelung der Transportgüter vornehmen. Das war auch für mich nicht gerade schön, denn immer wieder wurde ich von den Betroffenen – von denen ich viele persönlich kannte, und mit denen ich groß geworden bin – gefragt: Mensch, wo bringst Du uns hin, sag mal Hans, was ist los, wo willst Du mit uns hin? – Es war furchtbar –. Ein Transportzug wurde in Lüdersdorf und ein anderer in Schönberg eingesetzt. 1952 wurde kein Schattiner Bürger ausgesiedelt. Der Bestimmungsbahnhof war Grimmen. Von dort hat der Rat des Kreises sie weiter auf die einzelnen Ortschaften verteilt. (Meine Anmerkung hierzu: Viele Ankömmlinge nahmen dort gleich wieder ihren Rucksack um sofort weiter nach Westberlin zu fahren. Die, die dort geblieben sind, sagten: „was soll ich da, hier habe ich nichts und da habe ich auch nichts“.) Abels: 1961 war die zweite Aussiedlung.

Zwiebelmann: Das war genauso. Ich fuhr morgens zum Bahnhof nach Herrnburg, da standen wieder jede Menge LKW’s. Diesmal wurden die Auserwählten alle mit LKWs ausgesiedelt. Das waren nicht so viele. Hier aus Duvennest war einer, und aus Schattin wurde nur die Familie Wichmann ausgesiedelt.

Abels: Und warum, wissen Sie auch nicht?

Zwiebelmann: Da gab es verschiedene Gründe: z. B. wurde der Friedhofswärter „der Kalfak“ von Herrnburg – wie er genannt wurde – ausgesiedelt: angeblich, weil er zuviel Westpakete bekommen hatte. Diese bekam er von westdeutschen (ehemaligen DDR-) Bürgern, die ihre Gräber in Herrnburg hatten: Weil sie ihre Gräber selbst nicht pflegen konnten, übernahm der Kalfak diese Arbeit für sie. Da aber eine Bezahlung nicht möglich war, entschädigten die im Westen wohnenden Grabbesitzer ihn mit Paketgeschenken. Damals war ja alles knapp in der DDR. – Die Gastwirtsfamilie Wichmann aus Schattin wurde ausgewiesen, weil sie in ihrer Gaststätte von den Grenzern ungewollt zu viele Geheimnisse mitgehört hatten.

Abels: Man hatte es im Grenzgebiet nicht leicht.

Zwiebelmann: Als es 1952 mit der 5-km-Sperrzone anfing, da erstreckte sie sich hier landeinwärts noch ganz bis Boitin-Resdorf aus, da befand sich auch der Schlagbaum. Später wurde diese Zone verkleinert (eingeengt), und sie reichte dann nur noch bis vor Lüdersdorf, bis da, wo die Straße nach Selmsdorf abbiegt. Da war nun der Schlagbaum und auch ein Aussichtsturm (Überwachungsturm) für die Vopos.

Unsere Ausweise mussten alle viertel Jahr (später genügte alle halbe Jahr) immer wieder verlängert werden. Daran hatten wir uns schon gewöhnt. Wir hatten es schon gar nicht mehr gemerkt, dass wir hier im Grenzgebiet lebten. Das einzige war, man konnte uns nicht besuchen, es sei denn, man hatte sich anständig benommen und man hatte einen triftigen Besuchsgrund (lebensgefährlich krank, Todesfall = bis zu 3 Tage usw.), dann bekam man einen Passierschein, oder er wurde ohne Begründung abgelehnt. Der Passierschein – er musste auf einem vorgeschriebenen „Antrag für eine Dienst-Privat-Reise“ beantragt werden – ging von uns an den ABV (Abschnittsbevollmächtigten = Ortspolizist) und dann weiter an die Gemeinde, da war die Sicherheit (Amt für Ordnung und Sicherheit). Die entschieden dann, ob man kommen durfte oder nicht. – Jeder Haushalt hatte jeden Besuch in seinem „Hausbuch für das Wohngebäude“ einzutragen. Dieses Hausbuch wurde des Öfteren von Beauftragten kontrolliert. Als meine Frau 60 Jahre alt wurde (1987), da war das Einreisen aus der BDR (Bundesrepublik Deutschland) schon ein bisschen gelockert, nun durften auch ihre Schwester, ihr Schwager und der Sohn sogar mit dem Auto (bisher war das nur per Zug möglich) hier herkommen. Es musste aber alles schön eingereicht werden. Die Grenzer passten aber auf, dass das Auto auch angemeldet war.

Abels: Wie sah es hier mit der Arbeit aus?

Zwiebelmann: Jeder hat seine Arbeit gehabt, auch Alkoholiker. Dafür, dass wir hier wohnten, bekamen wir einen Sperrzonenzuschlag. Wir bekamen mtl. 50,- Mark mehr. Ja, wir haben sogar, als es noch Lebensmittelkarten gab, extra Sperrzonen-Lebensmittelkarten bekommen. Da gab es noch Fleisch und Zucker zusätzlich zu den normalen Lebensmittelkarten. Die Lebensmittelkarten wurden etwa 1960 abgeschafft.

In dieser Sperrzone – der 5-km-Sperrzone – gab es noch die 500-m-Sperrzone, in der z. B. auch das Dorf Lenschow lag. Wer da hinein wollte, der brauchte einen Extra-Passierschein, also auch ich. Wenn Leute aus der DDR mich mal besuchten, dann hatten sie einen roten Passierschein, und wollten sie nach Lenschow, brauchten sie einen grünen Passierschein.

Aber auch die 5-km-Sperrzone war zerstückelt. So war an der Kreisgrenze zwischen Schattin und Utecht wieder ein Schlagbaum, an den man nur mit einer Extra-Genehmigung vorbeikam.

In Schattin hatten wir eine kleine Konsumfiliale, besetzt mit 2 Mann. Da konnten wir alles kaufen. Ein Stück Fleisch hat man unter Garantie bekommen, entweder Rind-, Schwein- oder Suppenfleisch.

Auch war in Schattin eine Obstplantage. Das geerntete Obst (Äpfel und Pflaumen und Birnen) wurde in der Apfelscheune, der umgebauten Scheune des Bauern Holst in Schattin, gelagert. Von hier aus ging das Obst per LKW zur Verteilerstelle nach Rostock, von wo aus diese leicht verderbliche Ware nun zu den Verkaufsstellen nach Grevesmühlen, Schönberg und in die Landgebiete verteilt wurde, so auch nach Schattin in den Konsumladen.

Abels: Wie entstand die LPG in Schattin?

Zwiebelmann: In Schattin entstand zunächst ein „Volkseigenes Gut“ (VEG). Es bestand vorläufig nur aus einer Bauernstelle, der von Heinrich Oldenburg (Erbhof Nr. 6). Man hatte ihn 1949 beschuldigt, er hätte illegal Waffen bei sich versteckt. Von der Suchmannschaft soll einer eine Pistole auf einen Balken gelegt haben und hat sie später dann auch „gefunden“. Munition war auch versteckt. Heinrich Oldenburg wurde verhaftet und so wurde das Volkseigene Gut geschaffen.

Dann kam das mit der allgemeinen Bauernflucht 1952: Innerhalb weniger Wochen flüchteten 4 Schattiner Bauern (Ecklebe, Eichholz, Holst und Burmester) mit ihren Familien. Da entstand dann der örtliche Land-wirtschaftliche Betrieb (ÖLB), und der wurde dann das VEG (Volkseigenes Gut). Dann wurde allmählich Schattin und Duvennest zum VEG zusammen-gefasst. Bald nachher wurde dieses VEG der Lüdersdorfer LPG (Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft) angegliedert.

In Lüdersdorf waren zwei LPGs. Einmal LPG-P Pflanzenproduktion und dann noch mal die LPG-T Tierproduktion (Zucht). Später wurden beide zusammen geschmissen.

Ich war einer der wenigen, die nicht in der Landwirtschaft gearbeitet hatten, aber meine Frau arbeitete da. So galt auch ich als gleichberechtigter Betriebsangehöriger. Ich durfte überall dabei sein und brauchte auch nichts bezahlen, das gab es nicht, dass man abkassiert wurde. Ich habe an allen Veranstaltungen teilgenommen. Nachher wurde es die KAP (Kooperative Agrar-Produktion).

Abels: Und was ist denn nach der Wende aus den LPGen geworden?

Zwiebelmann: In Schattin und in Duvennest sind die Alteigner alle zurückgekommen und haben ihren alten Besitz zurückgefordert. Ihre Ländereien haben sie alle an Bauern (Pächter) aus dem Westen verpachtet. In Lüdersdorf ist ein Restteil der LPG bzw. Agrarbetrieb geblieben, neben der Pflanzenproduktion gibt es auch wieder die Tiere (Kühe), die ganzen Viehställe standen ja nach der Wende alle leer, da war ja nichts mehr drin. Einige Ställe haben Wessis gepachtet. Damals war es eine Aufzucht. Die tragenden Starken wurden verkauft. Sie haben heute auch wieder ein paar Kälber da, auch ein paar Starken und neuerdings auch Milchkühe. Etwa 3 Jahre nach der Wende mussten sich die LPGs alle neu formieren, so wurde aus der LPG Lüdersdorf dann ein „Landwirtschaftlicher Betrieb“.

Abels: Wie sah es mit den Verkehrswegen hier aus?

Zwiebelmann: Pfingsten 1952 wurde auf der Ostseite die Auffahrtrampe zur Wakenitzbrücke bei Nädlershorst abgerissen. Diese Überfahrt ist bis heute nicht wieder hergestellt worden.

Die Auffahrt auf der DDR-Seite zur Holzbrücke bei Rothenhusen war abgerissen.. 1990 wurde die Brücke mit neuem Kanada-Holz wieder befahrbar gemacht. Da geht jetzt der Verkehr wieder über die Wakenitz nach Groß Sarau, Groß Grönau und Lübeck.

1960 wurde die Schotterstraße von Herrnburg über Schattin nach Utecht aufgekippt und mit einer westdeutschen Maschine festgedrückt und danach geteert. Diese Straßen wurden so für die Grenzsicherungstruppen gebaut. Sie sind dem heutigen Verkehr aber nicht mehr gewachsen. Die Straße von Schattin bis zur Kreis- und Gemeindegrenze nach Utecht lässt z. Zt. noch sehr zu wünschen übrig. Der Abschnitt von der Gemeindegrenze bis nach Utecht wurde vor etwa 3 Jahren erneuert, sie hätte aber breiter sein können.

Abels: Mich interessieren auch noch weitere Geschichten aus dieser Gegend.

Zwiebelmann: 1915, während des 1. Weltkrieges wurde der Russe „Jacob Kusnezow“ bei Motlin, das liegt irgendwo in Polen hinter Warschau, gefangen genommen und als Kriegs-gefangener bei Bauern in der Landwirtschaft eingesetzt. Nach dem Kriege ist er nicht wieder zurückgegangen, sondern er ist hier geblieben und hat als Wirtschafter auf dem Bauernhof von Redwisch (Erbhof Nr. 8) gearbeitet.

Als nun 1945 die Russen kamen, hatte Jacob nichts zu lachen. Immer wieder haben sie ihn gezwiebelt: warum er nicht mit den anderen Russen nach Russland zurückgegangen war. Aber Jacob war ja nicht aufs „Maul“ gefallen. Er hat auch beweisen können, dass er seit 30 Jahren hier in Deutschland gelebt hat. Er sagte: ich bin Deutscher. Er hatte ja die deutsche Staatsangehörigkeit, auch wenn er in Russland geboren ist. Dann haben sie ihn in Ruhe gelassen.

Und in Lenschow war der Ostarbeiter (Zivilarbeiter) „Paul“ (hier seit 1942 / 43?), er hatte dort beim Bauern Dähn noch bis 1945, als die Russen hier kamen, gearbeitet. Auch er wollte nicht wieder nach Russland zurück. Da flüchtete Paul über die Wakenitz nach Nädlershorst, wo er in der gemütlichen Gaststätte „Zum Fährhaus“ gemeinsam mit der Tochter des ehemaligen Gasthausbesitzers lebte und wirtschaftete. Wenn ein Bekannter dort einkehrte, interessierte er sich für alles, was in dieser Gegend passiert ist. Im letzten Jahr fiel diese Gaststätte der Spitzhacke zum Opfer – sie musste der neuen Autobahn weichen.


Chronik Schattin
Das alte Rundlingsdorf Schattin
Besitzfolge der Erbenhöfe

interview_hans_zwiebelmann.txt · Last modified: 2019/04/14 12:20 (external edit)